Ich wurde 1961 in Maglavit geboren, einem wunderschönen Dorf im Donautal in Rumänien. Später besuchte ich in Craiova das Kunstgymnasium: Craiova ist eine spannende Großstadt voller Atmosphäre und einem reichen Kunst- und Kulturangebot. Ein Kunstgymnasium in Rumänien zu absolvieren bedeutet, das Kunsthandwerk von Grund auf zu erlernen, umfassend und in enger Verbindung von Theorie und Praxis: Zeichnung, Malerei, Kalligraphie, Plastik, Textilgestaltung, Keramik, Graphik und Bühnenbildnerei. Mit dem Erwerb des Abiturs besitzt man einen beruflichen Abschluss und gleichzeitig die Berechtigung zu einem Studium der Schönen Künste. Die Plätze an den Kunstakademien waren begrenzt und wurden oftmals unter der Hand vergeben. In der Ceausescu-Ära gab es keine freie Kunst. Also beschloss ich, mich auf einem handwerklich schwierigen, aber ideologiefernen Gebiet zu bewähren. Als Frau Kirchenmalerei erlernen zu wollen, hieß ein Stück seiner Weiblichkeit abzugeben, sich in einer klassischen Männerdomäne behaupten zu müssen und auch mit den christlich-orthodoxen Grundwerten in Konflikt zu kommen. So darf im Ritus der orthodoxen Liturgie eine Frau nicht im Altar stehen:" Darf sie da einen Altar malen...?" Das Studium wurde durch die Bukarester Patriarchie unterstützt, ein kleines Wunder in der kommunistischen Zeit. Das konnte nur geschehen, weil Ceausescu es nicht geschafft hatte, den starken Glauben unseres rumänischen Volkes an seine traditionellen Werte zu brechen. Doch ich spürte auch, dass ich nicht mein ganzes Leben lang nur nach Vorlagen und historischer Überlieferung malen wollte.
Dieser Konflikt konnte nicht weiter eskalieren, weil ich 1988 in die damalige DDR übersiedelte. Nach einem Jahr Babypause wollte ich wieder malen, doch es stellte sich die Frage, wo und wie. Kirchenmalerei interessierte in der DDR die Wenigsten. Meine Alben und Mappen hatte ich in Rumänien zurücklassen müssen, sodass ich keine Arbeitsproben zur Bewerbung vorlegen konnte, die deutsche Sprache beherrschte ich nicht besonders, und außerdem wollte ich eine gute Mutter sein.
Zum Glück bekam ich eine Stelle als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Es hat nach Farbe gerochen und ich hörte Hochdeutsch, und das tat mir gut. Nach 15 Jahren Tätigkeit musste ich erfahren, dass Kunst auch hier etwas mit Sparsamkeit zu tun hatte - eine Lebenserfahrung, die mich nachhaltig prägte. In dieser Zeit wurde ich ein zweites Mal Mutter, erwarb ein Diplom, nahm aktiv am künstlerischen Leben teil und schuf zahllose Werke.
In all dem habe ich versucht, den Sinn meines Daseins zu finden und Antworten auf die Fragen des Lebens zu bekommen. Immer wieder fand ich sie in meinem erlernten Handwerk. Da fühlte ich mich gut und fand den ersehnten Ausgleich. Ich mischte Naturpigmente, roch den Knochenleim, schliff Oberflächen glatt, zog gerade Linien, kratzte in weiche Untergründe ein, legte Gold auf und gestaltete Schriften. Ich begann schließlich, Porträts zu malen, und ich fragte mich dabei: "Warum malst du?" Mit diesen Fragen setzte ich mich mit der Tradition auseinander, dem Heimweh, und ich suchte den Dialog mit den Menschen, die mir nah und trotzdem so fern waren.
Es gelang mir allmählich, den frontal-statischen Duktus, wie ihn die traditionelle Ikonenmalerei verlangte, zu durchbrechen – nicht mehr "Von Angesicht zu Angesicht" - sondern mehr in sich gekehrt oder inszeniert. Durch die Tafelmalerei von Lucas Cranach dem Älteren lernte ich die Welt mit neuen Augen zu sehen. Das Umfeld war nun weniger heilig, sondern mehr irdisch, die Blicke der Menschen wurden lebendiger, die scharfen Konturen verschwanden. Die Körper wurden durch die Gewänder hindurch sichtbar, und Handlung zog in die Bilder ein, Dramatik, wie sie unser Leben beherrscht. Die Nachdenklichkeit und Trauer waren nun nicht mehr allein nur die der Jungfrau Maria, sondern deine und meine.
Es hat lange gedauert und mich schwere innere Kämpfe gekostet, die Farbe als Kontrast und nicht nur als Mittel der Harmonie zu sehen und einzusetzen. Erst durch die Begegnung mit anderen Malern fand ich den Mut, mit der Farbe zu experimentieren, und das blieb auch nicht ohne Kritik.
Im Gegensatz zur gegenständlichen Malerei, bei der ein Dialog mit der Form stattfindet, waren die nun entstehenden Collagearbeiten ein kreativer Akt der Suche nach Ordnung im Chaos auf dem Wege der Meditation. Durch die Entfernung von der klaren Geometrie hin zur Illusion gelang es mir, meinen Träumen eine vollkommen eigene Geometrie zu geben. Ich ordnete meine Gedanken und Gefühle von außen nach innen, von der Lust hin zur Geistigkeit. Die Gedanken wurden hell und licht, und alles löste sich in wunderbarer Weise in der Spiritualität auf, die alle Dinge um uns herum durchwirkt. Ich spürte diese Kraft – konzentriert und federleicht zugleich – und ich schöpfte aus ihr wie aus einer visuellen Theologie. Die Spuren von Gold, die ich manchmal gern auftrage, verkörpern die Kostbarkeit des Gedankens, sie dienen nicht allein einem dekorativen Zweck. Meine Studien nach der Natur verkörpern die Liebe zum Detail; den Wunsch, die Natur mit nach Hause zu nehmen, ihr auch im Vergehen noch eine Poesie zu geben, so wie die Berührung einer Kastanie die Erinnerung an den Herbst in sich birgt. All das ist sehr wichtig in meinem Leben. Die Ikonen und Inszenierungen, die Collagen und die witzigen Stillleben, das Statische und Dynamische. Es ist vielleicht auch eine Frage des Temperaments.
ICH MAG KONFRONTATIONEN. Die Harmonie der Farben verlangt nach einem drahtigen, reingekratzten grafischen Effekt. Das elegisch Träumende wird gerettet durch das energisch Zupackende – wie in Variationen tänzerischer Anziehung oder Abstoßung. Außerdem liebe ich den sinnlichen Umgang mit den Elementen, wie es beim Spachteln geschieht – im übergreifenden Gestus, der Ganzkörpereinsatz verlangt und an die Grenzen geht - eine Liebeserklärung an das, was ich so gern gemacht hätte, nämlich Wandmalerei. Als ich kürzlich den Auftrag zur umfassenden Restaurierung einer Kirche erhielt, konnte ich endlich all meine Gefühle und schöpferischen Impulse voll ausleben – und ich genoss die Gnade, in einem wahren Schaffensrausch aufgehen zu dürfen.
Für mich ist die Malerei die Offenbarung meines Ich und ersetzt die Sprache, deren Fehlen ich als schmerzlich spürbares Defizit erlebt habe. Ich bitte meinen Lehrer um Verzeihung. Er hat mir damals mit auf den Weg gegeben: "Man sollte mit Bildern nicht all zu viel erzählen!" und er meinte damit die Abgründe des Schmerzes... Manche meiner Bilder mögen so gesehen ein "Ausrutscher" sein, aber sie passen auf jeden Fall in den Kalender.